Wider der Weißen Ästhetik!

Kommentar zum Kopftuchverbot - Michael Doblmair

Die erste Schulwoche mit Kopftuchverbot ging vorüber. Im Großen und Ganzen wurde das Gesetz mit keinen größeren Zwischenfällen umgesetzt, so heißt es bspw. in einem ORF-Bericht. Schule Brennt hat in dieser Woche unzählige Nachrichten von Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern erhalten, wie sich das Kopftuchverbot auf sie ausgewirkt hat: Schülerinnen wurde das Kopftuch von Mitschülern vom Kopf gerissen, der Täter wähnte sich im Recht. Teils wurden sie von Direktor:innen angeschrien, ihnen wurde erklärt, dass sie Österreich verlassen müssen, wenn sie das Kopftuch nicht abnehmen. Manche mussten Stunden vorm Konferenzzimmer sitzen, erst wenn sie das Kopftuch abnähmen, dürften sie wieder am Unterricht teilnehmen. Eine Schule beschloss künftig gar keine Kopftuch tragende Frauen mehr anstellen zu wollen. In der Schule wirkt das Gesetz wie ein staatlich organisierter Gewaltexzess. Mädchen und Frauen wurde gesagt, sie seien hier nicht willkommen, oder ohnehin bald weg.

Das mögen vielleicht für die Weiße Mehrheitsgesellschaft keine größeren Zwischenfälle sein, dieser Rassismus entfaltet jedoch genau so auf die muslimische Gemeinde, wie es vermutlich intendiert ist. Melisa Erkurt hat in ihrem Buch 2020 anlässlich des ersten Kopftuchverbots bereits geschrieben, dass Österreich sich vor dem Islam fürchtet, Muslime fürchten sich im Gegenzug um Leib und Leben. Staatlich organisierte Entfremdung. Viele Lehrer:innen versuchen derweilen, die Scherben aufzuklauben. Gespräche mit weinenden Mädchen auf den Toiletten, Überzeugungsarbeit gemeinsam mit den Eltern, die Schülerinnen mögen doch weiterhin in die Schule gehen oder am Unterricht teilnehmen. Schule wurde diese Woche noch mehr zum Ort an dem Mädchen nicht ihre Grenzen wahren können, sondern sich für die Ästhetik des österreichischen Mainstreams entblößen müssen. Im Namen der Freiheit, denn wer Haare zeigt, ist frei.

Auch von Kindeswohl keine Spur mehr, wenn Lehrer:innen und Direktor:innen mit aller Härte dem Gesetz nacheifern, zuweilen ein bisschen darüber agieren, oder Journalist:innen vermeintliche Minderjährige beim Gang in die Schule auflauern und fotografieren, sie öffentlich bloßstellen eine Straftat zu begehen, die mit jene Fotos mitnichten dokumentiert ist. Diese Exzesse sind die Folge des jahrzehntelangen antimuslimischen Rassismus, der auch von staatlicher Seite kultiviert wird, um von der wirtschaftsliberalen Politik im Dienste der Reichen abzulenken.

Nun drei Mal hat der DerStandard seit der Verlautbarung des Schulstreiks gegen das Kopftuchverbot über denselben berichten. Einmal wurde ein APA-Meldung reproduziert, zwei Mal durften Mitarbeiter:innen des Standards ihre Gedanken auf die Tastatur hämmern. Einmal gings gut mit der Berichterstattung, zwei Mal offenbarten sich journalistische und politische Abgründe. Die Verleumdungen und "Argumente" müssen hier in nicht in extenso reproduziert werden, auf den katastrophal schlecht recherchierten Artikel von Herrn Schmid hat Schule Brennt schon reagiert. Hier möchte ich mir erlauben auf die knapp 1.400 Zeichen von Lisa Nimmervoll, der Innenpolitikredakteurin des Standards, Bezug zu nehmen.

In einem Kommentar greift sie dabei die roten Jugendorganisation direttissima an. "Es gab einmal eine sozialistische Internationale", sinniert sie. Aber keine Sorge das Bündnis zum Schulstreik besteht gleich mehreren Organisationen, die international vernetzt sind und wissen internationale Solidarität zu leben. Und dann der Angriff: Damals wusste die Sozialdemokratie noch was Freiheit, Gleichheit und Emanzipation bedeutet, heute verteidigen die SPÖ-Jugendorganisationen das Recht ein religiöses Symbol zu tragen und wären politikvergessen, weil sie so täten als ob das Kopftuch ein harmloses Kleidungsstück wäre.

Natürlich wissen wir alle, dass das Kopftuch nicht nur ein Stück Stoff ist. Für manche ist es tatsächlich ein religiöses Symbol. Ungefähr so, wie das christliche Kreuz die christliche Religion und damit auch die christlichen Kreuzzüge symbolisiert. Diese Symbolik spart Nimmervoll aus, ihr geht es um die Frauen in Afghanistan: "Während in Afghanistan Frauen und Mädchen systematisch aus dem öffentlichen Leben verschwinden, ihnen Bildung, Arbeit und Freiheit genommen werden und das Regime ihnen das Leben hinter der Verhüllung zur Hölle macht" – sollte die sozialistische Internationale hierzulande für ein Kopftuchverbot eintreten. Am Ende ihres Beitrags hallt wie in Randall Wallace Braveheart der Wunsch nach Freiheit für die Mädchen weltweit.

Das Argument, weil es so schön ist, noch einmal zusammengefasst: Internationale Solidarität heißt: Weil in Afghanistan die Frauen gezwungen werden sich zu verhüllen, müssen hierzulande Mädchen gezwungen werden gar kein Kopftuch nach islamischer Tradition zu tragen.

So zusammengefasst klingt das Argument doch irgendwie seltsam, denn Zwang bleibt doch Zwang, oder nicht? Das Argument klingt nur dann logisch, wenn wir emanzipatorische Politik mit Weißer Ästhetik verwechseln. Halten wir es mit einer emanzipatorischen Politik oder auch Pädagogik, schließlich geht es ja um die Schule, dann müssen wir Lisa Nimmervoll gleich doppelt enttäuschen. Erstens werden weder die afghanischen Mädchen und Frauen befreit, wenn in Österreich Mädchen gezwungen werden etwas nicht zu tragen. Zweitens determiniert die Kleidung nicht den Grad der Befreiung von Frauen und schon gar nicht, dürfen wir in die Falle tappen zu meinen, wenn Frauen ihre Haare zeigen, wären sie frei. Jedes Monat zwei Femizide in Österreich.

Um zum Punkt zu kommen. Der österreichische Verfassungsgerichtshof hat 2020 eine kluge Erkenntnis festgehalten, die unter anderem seinerzeit das Kopftuchverbot an demselben scheitern ließ. "Die Deutungsmöglichkeiten, die die Trägerinnen eines Kopftuches vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Religion oder Weltanschauung dieser Bekleidung und damit dem Tragen des Kopftuches geben, sind vielfältig." (google – für Herrn Schmid). Damit hat der Verfassungsgerichtshof erkannt, was Studien (hier kann bei Herrn Khorchide nachgefragt werden) zum Thema berichten. Damit hat der Verfassungsgerichtshof erkannt, was die Literatur von Frantz Fanon (1959) bis Shahed Ezaydi (2026) schreibt. Und damit hat der Verfassungsgerichtshof auch erkannt, was Lehrer:innen in der Begegnung mit ihren Schülerinnen und Kolleginnen, die Kopftuch tragen, alltäglich selbstverständlich erfahren. Aus dieser einfachen Erkenntnis ergeben sich aber zwei wichtige Schlüsse.

Erstens, vielfältige Begründungen sprengen die monokausalen Fremdzuschreibungsprozesse von Symbolen. Ein Symbol ist zwar nie ganz arbiträr (Saussure), aber doch umkämpft (CCCS). Symbole werden dabei erst zu Symbolen gemacht und bekommen erst dadurch politische Bedeutungen. Wir müssen also zunächst fragen, wer darf hier einem Symbol welche Bedeutung geben? Warum hören und lesen wir repetitiv immer wieder dieselben Zuschreibungen von liberalen bis rechten Menschen? Warum mobilisiert der Standard zwei Weiße Menschen, um über einen Schulstreik gegen das Kopftuchverbot zu richten? Warum nicht mal eine betroffene Schülerin zu Wort kommen lassen? Beginnt Solidarität nicht beim Zuhören? (Ein Dank an den Falter, der das gemacht hat!) Auf der symbolischen Seite müssen wir jedoch auch Fragen, was dieses Verbot für unsere gänzlich arbiträren Zeichen macht. Zeichen, wie Demokratie, Gleichheit, Freiheit, oder auch Feminismus usw. Schnell können sie in ihr Gegenteil umschlagen, wenn Demokratie heißt, wir fragen, Schüler:innen erst gar nicht, bei Gesetzen, die sie betrifft. Wir behandeln alle gleich, außer Musliminnen. Wir schreiben eine bestimmte gesetzlich Freiheit vor, während wir die Freiheit zur Freiheit verbieten. Was macht das auch für den Kampf um Frauenrechte, wenn Feminismus bei Mädchen Angst, Leid und Grenzüberschreitungen hervorbringt und sie einem patriarchalen Male Gaze unterwirft. Von Braun und Mathes (2007) haben bspw. anhand des Bikinis aufgezeigt, wie die Freizügigkeit westlicher Kleidung erst von der Modeindustrie erzeugt werden musste – mit all den Konsequenzen für den weiblichen Körper, der sich in Folge noch mehr unter Selbstdisziplin zurichten muss, um dem westlichen Normen zu entsprechen.

Zweitens. Wer meint das Kopftuch sei ein Symbol eines reaktionären politischen Islams, der reduziert nicht nur Komplexität, sondern reduziert vor allem Mädchen und Frauen auf eine Fremdzuschreibung, vernichtet dabei die Person und macht sie zu Agentinnen eines Feindes. Dagegen hat der Verfassunsgerichtshof 2020 schon festgestellt, dass das Verbot ausschließlich Schülerinnen trifft, "welche den Schulfrieden selbst nicht stören". Mädchen werden mit diesem Verbot zur Projektions- und Agitationsfläche degradiert, werden zu passivierten Objekten des Rassismus. Die Person hinter dieser entmenschlichenden Politik, die das aushalten muss, ist noch minderjährig.

Ich bin vielmehr dankbar für diesen Schulstreik! Ich habe jetzt schon muslimische Frauen mit Kopftuch kennenlernen dürfen, die mehr Cojones haben, als so mancher Politiker, die aus Kalkül oder im Kuhhandel Frauen- und Mädchenrechte beschränken, um in der Regierung eine Partei zu verhindern, die dieses rassistische Gesetz vielleicht noch in Ekstase erlassen hätte. Ich durfte jetzt schon unorganisierte oder in der SPÖ-Jugendorganisationen organisierte Schülerinnen mit Kopftuch kennenlernen, die laut, stark und bestimmt "Stopp" sagen! Ihr Körper, ihr Kopf ist keine Verhandlungsmasse! Genau das ist emanzipatorische Politik und Pädagogik: Mädchen zu stärken für ihre Rechte einzustehen und gemeinsam mit ihnen zu lernen dem rassistischen und sexistischen Scheißdreck zu widersprechen und für universelle Emanzipation zu kämpfen.